06.07.2011
Als am 11. September 2001 der Terroranschlag auf das
Im Kreistag Euskirchen wird der Platz von Christian Grau (l.) die kommenden vier Monate leer bleiben. Als Oberleutnant der Bundeswehr musste er in den Afghanistan-Einsatz. Foto: Greuel World Trade Center nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt erschütterte, war Christian Grau, damals 23 Jahre alt, politisch noch nicht gebunden. Er war Zeitsoldat, absolvierte in Euskirchen beim Systemzentrum Heer (IT) seinen Dienst.
Knapp zehn Jahre später: Am heutigen Samstag sitzt der nun 33-jährige Berufssoldat (Oberleutnant) im Flieger. Sein Ziel ist (nach einem Zwischenstopp in Usbekistan) das rund 5500 Kilometer entfernte Kabul in Afghanistan, wo er im Camp Warehouse vier Monate lang bei den ISAF-Truppen als IT-Fachmann seinen Dienst „schieben“ muss.
Dass er einmal in dieses Land geschickt würde, in dem fast täglich Terroranschläge erfolgen, Kinder als lebende Bomben missbraucht, Autobomben vor Krankenhäuser platziert werden und auch deutsche Patrouillen von Taliban direkt angegriffen werden, daran hätte er vor zehn Jahren nie gedacht, als er sich entschloss, sich politisch zu betätigen.
Im Dezember 2001 hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen – auch als Folge des Attentats in Amerika – das Afghanistan-Mandat beschlossen. Die Bundesregierung hatte 2002 – auch mit Zustimmung der FDP – diesem Mandat zugestimmt. Christian Grau war 2002 der FDP beigetreten, genau am Abend der Bundestagswahlen – Rot-Grün war an die Regierung gekommen.
Als 20-Jähriger war Christian Grau, der bei Halle (Sachsen-Anhalt) groß geworden war, zur Bundeswehr gestoßen. Nachdem er 1996 in Thüringen seine Ausbildung als staatlich geprüfter Technischer Assistent für Informatik absolviert und ein Jahrspäter auch die Fachhochschulreife erreicht hatte, verdiente er sich zunächst ein Jahr lang seine Brötchen bei einem Katasteramt.
Im IT-Zentrum der Bundeswehr in Euskirchen ist der Computer das wichtigste Arbeitsgerät des 33-jährigen Berufssoldaten. Sein Job in Kabul: S6 Offizier und IT-Sicherheitsbeauftragter. Dann drängte es ihn zur Bundeswehr. Beim Zentrum für Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr wurde ihm die Möglichkeit signalisiert, nach einer Grundausbildung (erfolgte in Stolberg) in Euskirchen beim Systemzentrum Herr im IT-Bereich zu arbeiten. Zunächst Zeitsoldat wurde er aber schnell Berufssoldat, nach einem Zwischenstopp in Bonn ist er seit 2004 beim Zentrum für Informationstechnik der Bundeswehr in der Gersdorff-Kaserne stationiert – inzwischen als Oberleutnant.
Nachdem er 2002 der FDP beigetreten war, gründete er in Zülpich zunächst die Julis, war 2006/2007 Kreisvorsitzender der Julis, zog 2009 für die FDP in den Stadtrat Zülpich und den Kreistag Euskirchen ein.
Im Kreistag Euskirchen wird der Platz von Christian Grau (l.) die kommenden vier Monate leer bleiben. Als Oberleutnant der Bundeswehr musste er in den Afghanistan-Einsatz. Foto: Greuel Im Kreis ist er Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Sport und Kultur.
Doch sein Platz im Kreistag wird nun vier Monate leer bleiben. Denn sein Dienstherr hat ihn nach Afghanistan kommandiert. Afghanistan – täglich Horrormeldungen. Fast täglich Anschläge, fast täglich Tote (die ISAF-Truppen beklagten allein von Januar bis Mitte Juni rund 300 getötete Kameraden). Wie ist die Einschätzung von Christian Grau? Angst?
„Ich hoffe nicht, dass ich körperliche Schäden erleide“, sagt er, „ich werde ja wohl nicht mit Gewehr und Laptop im Schützengraben liegen.“ Dass er mit gemischten Gefühlen nach Kabul flog, streitet er nicht ab, andererseits sagt er auch: „Ich kann nicht hinter jedem Afghanen einen Selbstmordattentäter sehen.“
Seine Eltern in Halle seien nicht gerade begeistert gewesen, als sie von dem Einsatz hörten, „sie haben jedenfalls nicht laut Hurra gerufen.“ Dass er nun vom eher beschaulichen Schreibdienst in Euskirchen an die „Front“ muss, ist für ihn Soldatenschicksal: „Man kann sich als Berufssoldat die Rosinen nicht rauspicken.“
Was erwartet ihn in Kabul im Camp Warehouse? „Ich weiß es nicht, das werde ich erst vor Ort genau erfahren,“ ist er selbt gespannt. Sein Einsatz in Kabul wurde von der Panzerlehrbrigade 9 in Munster organisiert. Seine Funktion in Kabul: S 6 Offizier und IT-SiBe (IT-Sicherheitsbeauftragter), zwei Feldwebel sind ihm zugeordnet.
Dirk Backes, amtierender Kommandeur der ISAF-Truppen im Norden des Landes, rechnet jedenfalls mit weiterer „Infiltration der afghanischen Sicherheitskräfte“ und neuen Anschlägen gegen „führende Bundeswehrkommandeure“. Der Leipziger Volkszeitung“ sagte er: „Diejenigen Kräfte, die den Staatsaufbai in Afghanistan gezielt stören wollen, haben in letzter Zeit ihre Technik zunehmend ausgefeilt.“
Wenige Tage vor seinem Abflug wurde Christian Grau in der Kreistagsfraktion der FDP verabschiedet. Fraktionsvorsitzender Hans Reiff wünschte ihm alles Gute, gab ihm ein Buch mit, das er in Muße lesen möge…
Übrigens: Vor seinem Abflug hat Christian Grau eine Vorsorgevollmacht, eine Betreuungsvollmacht, eine Patientenverfügung sowie ein Testament gemacht, „aber das sollte man auch unabhängig von einem Auslandseinsatz machen, weil ja immer etwas passieren könnte.“
Aus dem Kreistag nach Afghanistan
Christian Grau (FDP): „Als Berufssoldat kann man sich nicht nur die Rosinen rauspicken“(von Rudolph Greuel)
Als am 11. September 2001 der Terroranschlag auf das
Im Kreistag Euskirchen wird der Platz von Christian Grau (l.) die kommenden vier Monate leer bleiben. Als Oberleutnant der Bundeswehr musste er in den Afghanistan-Einsatz. Foto: Greuel World Trade Center nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt erschütterte, war Christian Grau, damals 23 Jahre alt, politisch noch nicht gebunden. Er war Zeitsoldat, absolvierte in Euskirchen beim Systemzentrum Heer (IT) seinen Dienst.
Knapp zehn Jahre später: Am heutigen Samstag sitzt der nun 33-jährige Berufssoldat (Oberleutnant) im Flieger. Sein Ziel ist (nach einem Zwischenstopp in Usbekistan) das rund 5500 Kilometer entfernte Kabul in Afghanistan, wo er im Camp Warehouse vier Monate lang bei den ISAF-Truppen als IT-Fachmann seinen Dienst „schieben“ muss.
Dass er einmal in dieses Land geschickt würde, in dem fast täglich Terroranschläge erfolgen, Kinder als lebende Bomben missbraucht, Autobomben vor Krankenhäuser platziert werden und auch deutsche Patrouillen von Taliban direkt angegriffen werden, daran hätte er vor zehn Jahren nie gedacht, als er sich entschloss, sich politisch zu betätigen.
Im Dezember 2001 hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen – auch als Folge des Attentats in Amerika – das Afghanistan-Mandat beschlossen. Die Bundesregierung hatte 2002 – auch mit Zustimmung der FDP – diesem Mandat zugestimmt. Christian Grau war 2002 der FDP beigetreten, genau am Abend der Bundestagswahlen – Rot-Grün war an die Regierung gekommen.
Als 20-Jähriger war Christian Grau, der bei Halle (Sachsen-Anhalt) groß geworden war, zur Bundeswehr gestoßen. Nachdem er 1996 in Thüringen seine Ausbildung als staatlich geprüfter Technischer Assistent für Informatik absolviert und ein Jahrspäter auch die Fachhochschulreife erreicht hatte, verdiente er sich zunächst ein Jahr lang seine Brötchen bei einem Katasteramt.
Im IT-Zentrum der Bundeswehr in Euskirchen ist der Computer das wichtigste Arbeitsgerät des 33-jährigen Berufssoldaten. Sein Job in Kabul: S6 Offizier und IT-Sicherheitsbeauftragter. Dann drängte es ihn zur Bundeswehr. Beim Zentrum für Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr wurde ihm die Möglichkeit signalisiert, nach einer Grundausbildung (erfolgte in Stolberg) in Euskirchen beim Systemzentrum Herr im IT-Bereich zu arbeiten. Zunächst Zeitsoldat wurde er aber schnell Berufssoldat, nach einem Zwischenstopp in Bonn ist er seit 2004 beim Zentrum für Informationstechnik der Bundeswehr in der Gersdorff-Kaserne stationiert – inzwischen als Oberleutnant.
Nachdem er 2002 der FDP beigetreten war, gründete er in Zülpich zunächst die Julis, war 2006/2007 Kreisvorsitzender der Julis, zog 2009 für die FDP in den Stadtrat Zülpich und den Kreistag Euskirchen ein.
Im Kreistag Euskirchen wird der Platz von Christian Grau (l.) die kommenden vier Monate leer bleiben. Als Oberleutnant der Bundeswehr musste er in den Afghanistan-Einsatz. Foto: Greuel Im Kreis ist er Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Sport und Kultur.
Doch sein Platz im Kreistag wird nun vier Monate leer bleiben. Denn sein Dienstherr hat ihn nach Afghanistan kommandiert. Afghanistan – täglich Horrormeldungen. Fast täglich Anschläge, fast täglich Tote (die ISAF-Truppen beklagten allein von Januar bis Mitte Juni rund 300 getötete Kameraden). Wie ist die Einschätzung von Christian Grau? Angst?
„Ich hoffe nicht, dass ich körperliche Schäden erleide“, sagt er, „ich werde ja wohl nicht mit Gewehr und Laptop im Schützengraben liegen.“ Dass er mit gemischten Gefühlen nach Kabul flog, streitet er nicht ab, andererseits sagt er auch: „Ich kann nicht hinter jedem Afghanen einen Selbstmordattentäter sehen.“
Seine Eltern in Halle seien nicht gerade begeistert gewesen, als sie von dem Einsatz hörten, „sie haben jedenfalls nicht laut Hurra gerufen.“ Dass er nun vom eher beschaulichen Schreibdienst in Euskirchen an die „Front“ muss, ist für ihn Soldatenschicksal: „Man kann sich als Berufssoldat die Rosinen nicht rauspicken.“
Was erwartet ihn in Kabul im Camp Warehouse? „Ich weiß es nicht, das werde ich erst vor Ort genau erfahren,“ ist er selbt gespannt. Sein Einsatz in Kabul wurde von der Panzerlehrbrigade 9 in Munster organisiert. Seine Funktion in Kabul: S 6 Offizier und IT-SiBe (IT-Sicherheitsbeauftragter), zwei Feldwebel sind ihm zugeordnet.
| Informationen Das Zentrum für Informationstechnik der Bundeswehr, bei dem Oberleutnant Christian Grau arbeitet, nimmt technisch-betriebliche Durchführungsaufgaben wahr. Der Hauptsitz des Zentrums ist Euskirchen, weitere Standorte sind Rheinbach, Münster, Ulm und Munster. Die Leitung des IT-Zentrums wird unmittelbar von einem Unterstützungs-bereich und einer Controllingkomponente zur Wahrnehmung administrativer Aufgaben wirkungsvoll unterstützt. Im Unterstützungsbereich, Graus Abteilung, werden querschnittliche Aufgaben des IT-Zentrum wahrge-nommen: organisatorische Aufgaben, Personalbearbeitung für militärisches Personal, Zuarbeit zur zivilen Personal-bearbeitung, militärische und allgemeine Sicherheit sowie IT-Sicherheit, Aus- und Fortbildung, Mobilität/Bw-Fuhrpark und Materialwirtschaft. In Afghanistan waren im Oktober rund 71 000 Soldaten aus 47 Ländern im ISAF-Truppenverband im Einsatz, 2011 (Quelle: SPIEGEL) waren es 61 100 aus 43 Ländern, darunter rund 4600 aus Deutschland. | Vor dem Abflug erfolgte eine dreiwöchige Einsatzvorbereitung in Germersheim. Bei diesem Lehrgang wurden Rechtsfragen erörtert, es ging um soziale Dinge, es gab Gespräche mit Militärpfarrern und vor allem: es ging sehr oft an den Schießstand. Denn es ist ja nicht auszuschließen, dass Grau in Kabul auch in Konfliktsituationen kommen könnte.Seine Schutzausrüstung wird er erst vor Ort am Einsatzort erhalten – also Waffen und Schutzweste. Dass die vier Monate in Kabul eine große psychische und physische Belastung werden, ist ihm klar: Trennung von der Familie, Hitze, längere Dienstzeiten, Mehrpersonenunterkünfte – das ist alles anders als der geregelte Dienst in Euskirchen. Was ihn etwas beruhigt: Mittels moderner Technik kann er auch aus Kabul Kontakt zur Heimat halten. Wie steht er zu dem Mandat in Afghanistan? Politisch will er sich nicht äußern, aber ganz allgemein bilanziert er, dass bislang mit vielen kleinen Schritten viel Positives erreicht worden sei und wenn man überstürzt den Einsatz beenden würde, „dann wäre das genau das, was die Taliban sich erhoffen.“ Seine Parteifreundin, die Bundestagsabgeordnete Gabriele Molitor, gibt die Richtung der FDP so vor: Seit dem Sturz der Taliban habe man große Fortschritte erzielt, „ein übereilter Abzug würde diese Fortschritte gefährden.“ Der Fahrplan sehe vor, die Sicherheitsverantwortung 2014 an die Afghanen zu übergeben. Molitor: „Dieser Fahrplan ist realistisch, für mich persönlich ist es politisch nicht akzeptabel, wenn die Bundeswehr noch 15 Jahre dort bleiben würde.“ Rückblickend meint sie: „Ich glaube, dass 2002 die Ambitionen zu groß und der Einsatz zu klein war.“ Ihre Prognose: „Eine Demokratie nach westlichem Vorbild wird Afghanistan wahrscheinlich nie werden.“ Christian Grau jedenfalls hat in den letzten Tagen aktuell die Geschehnisse in Afghanistan verfolgt. Dass die Gefahr für die Soldaten in Kundus und Masar-e Scharif ungleich höher sind als in Kabul, sei dahin gestellt. |
Dirk Backes, amtierender Kommandeur der ISAF-Truppen im Norden des Landes, rechnet jedenfalls mit weiterer „Infiltration der afghanischen Sicherheitskräfte“ und neuen Anschlägen gegen „führende Bundeswehrkommandeure“. Der Leipziger Volkszeitung“ sagte er: „Diejenigen Kräfte, die den Staatsaufbai in Afghanistan gezielt stören wollen, haben in letzter Zeit ihre Technik zunehmend ausgefeilt.“
Wenige Tage vor seinem Abflug wurde Christian Grau in der Kreistagsfraktion der FDP verabschiedet. Fraktionsvorsitzender Hans Reiff wünschte ihm alles Gute, gab ihm ein Buch mit, das er in Muße lesen möge…
Übrigens: Vor seinem Abflug hat Christian Grau eine Vorsorgevollmacht, eine Betreuungsvollmacht, eine Patientenverfügung sowie ein Testament gemacht, „aber das sollte man auch unabhängig von einem Auslandseinsatz machen, weil ja immer etwas passieren könnte.“



